Frauen im Design
- 15.06.2026
- Quelle: Redaktion
„An meiner Selbstständigkeit schätze ich die Gleichberechtigung, den Dialog und die Freiheit Dinge selbst gestalten zu können.“ – sagte Hanna Litwin (Büro FAMOS, VDID) im Rahmen unseres Symposiums DESIGNERINNEN + ENTREPRENEURSHIP: LET’S TALK BUSINESS! (2025)[1]
Die Situation von Frauen im Industrie- und Produktdesign beschäftigt mich seit 1987, als ich gemeinsam mit einer Kommilitonin über 80 Interviews mit Designerinnen in Deutschland führte. Damals wurden zahlreiche Benachteiligungen sichtbar, gleichzeitig begegneten wir Frauen, die entschlossen waren, sich in der männlich dominierten Branche zu behaupten.
Erstaunlich ist, dass viele Ungleichheiten auch heute fortbestehen. Die vier Sprecherinnen unseres Symposiums – Barbara Busse (Future + You), Linda Schmidt (EPLAN, VDID), Hanna Litwin (Büro Famos, VDID) und Nina Ruthe (Studio Niruk, VDID) – zeigten eindrücklich, was es heißt, sich als FLINTA* in einer von Männern dominierten Designbranche zu behaupten. Offen berichteten sie von strukturellen Ungleichheiten, stereotypen Erwartungen, diskriminierenden Kommentaren sowie den Herausforderungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Eine VDID Umfrage von 2024 nennt ein Verhältnis von 62 % Männern zu 38 % Frauen.[2] Besonders alarmierend ist die von Verdi ermittelte Gender Pay Gap von 45 % im Industrie-, Textil- und Modedesign.[3] Auch in Jurys und Gremien zeigt sich die Schieflage: Beim Red Dot Design Award standen 2022 5 Frauen 19 Männern gegenüber.[4] Obwohl FLINTA*-Personen bereits rund 67 % der Produktdesign-Studierenden stellen, starten viele ihre berufliche Laufbahn mit geringerem Selbstvertrauen als männliche Kollegen.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Designwissenschaftlerin Dr. Gerda Breuer schrieb 2024: „…erstaunlich viele Anliegen, mit denen sich Designerinnen beschäftigten, haben ein großes Beharrungsvermögen. Das ist nach wie vor die Doppel- und Mehrfachbelastung von Frauen; die Dominanz des westlichen Weltbildes; Equal Pay Gap und Equal Pension Gap; eine weltweite Auseinandersetzung mit Abtreibung; Frauengesundheit; auch Frauenhass, der laut neuesten Statistiken in Deutschland zugenommen haben soll; Diversität der Geschlechteridentitäten, u.v.a.m. Es lohnt gerade deshalb, einen Schwerpunkt auf ihre Sichtbarkeit mit Mitteln von Design zu sorgen.“ [5]
Ein wesentlicher Faktor ist der Mangel an sichtbaren Vorbildern. Die Designgeschichte wurde lange vor allem über männliche Akteure erzählt, obwohl Frauen entscheidende Beiträge leisteten. Am BAUHAUS z.B wurden Studentinnen häufig in die Weberei gedrängt. Alma Siedhoff-Buscher, vor allem für ihre Kindermöbel bekannt, wurde nach Geburt ihres ersten Kindes das weitere Studium von Walter Gropius verwehrt. Eine Ausnahme war Marianne Brandt, die später die Leitung der Metallwerkstatt übernahm.
Erst in jüngster Zeit erfahren Design-Pionierinnen die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht. Im Film „E.1027 – Eileen Grey und das Haus am Meer“[6] wurde thematisiert, dass sich Le Corbusier, ohne ihr Einverständnis, dazu ermächtigt hatte, die Wände, des von ihr sorgfältig, bis ins kleinste Detail, geplanten und gebauten Hauses (1926-29), zu bemalen. Auch Charlotte Perriands Anteil an ikonischen Möbelentwürfen wird inzwischen gewürdigt. Dazu beigetragen hat unlängst die Retrospektive: „L’Art d’habiter / die Kunst des Wohnens“ (Nov. 2025–März 2026)[7]. Die berühmte Chaise Longue, lange ausschließlich Le Corbusier zugeschrieben, gilt heute als wesentlich von Perriand entworfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben Frauen zudem an der Hochschule für Gestaltung Ulm deutlich unterrepräsentiert. Die ehemalige Studentin Gerda Müller-Krauspe dokumentierte diese Erfahrungen später in ihrem Buch „Selbstbehauptungen: Frauen an der hfg ulm“.[8]
Seit den 1980er-Jahren haben Ausstellungen, Forschungen und Netzwerke dazu beigetragen, die Leistungen von Designerinnen sichtbarer zu machen. Hervorzuheben ist die Ausstellung „Frauen im Design“ (IDZ Stuttgart, 1989)[9]. Auch Uta Brandes hat als Professorin für Gender und Design und Designforschung an der Köln International School of Design (1995 -2015) und mit der Gründung des International Gender Design Network auf Genderfragen aufmerksam gemacht. Außerdem positionieren sich aktuell viele Produkt- und Industriedesignerinnen aktiv im VDID.
Dass Designerinnen* heute stärker wahrgenommen werden, ist vor allem ihrem eigenen Engagement zu verdanken. Vorbilder wie Sabine Marcelis (Renault Twingo Concept Car 2023) und Hanne Willmann (Möbel für FREIFRAU, Schönbuch, Thonet, etc.) zeigen, dass Frauen internationale Sichtbarkeit in der Branche erreichen können.
Hanna Litwins Ideal muss also kein frommer Wunsch bleiben. Auch die Referentinnen unseres Symposiums machten Chancen für FLINTA* sichtbar und stellten Führungsansätze vor, die auf Empowerment, Kommunikation und respektvolle Zusammenarbeit setzen. Ihr Appell war klar: Netzwerke bilden, faktenbasiert kommunizieren, Unterstützung suchen, sich gegenseitig fördern und kontinuierlich weiterbilden. So kann die Vision eines geschlechtergerechten Arbeitsumfeldes in der Designbranche Wirklichkeit werden!
Prof. Marion Digel, Juni 2026
Zitate / Referenzen [1 - 9] in den Links unten
Impressionen
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