Topp - 14. VDID Designers’ Breakfast 2026
- 09.05.2026
- 10 - 14 Uhr
- München
„Designing the Loop“ - Circular Economy as a Business Case
Das 14. VDID Designers' Breakfast im Oskar von Miller Forum, München fand am 9. Mai 2026 im Rahmen der MCBW statt und war bis auf den letzten Platz belegt.
Schon das zeigte: Circular Economy ist im Design angekommen. Nicht als moralischer Zusatz, sondern als strategisches Zukunftsthema. Es geht um neue Geschäftsmodelle, um regulatorische Anforderungen, um Kundennutzen und um die Frage, wie Designerinnen und Designer im Unternehmen wirksamer werden können.
In seiner Keynote machte Wolfgang Steiner, Gründer von Ecoviator, deutlich, dass Europa Produkte gerade neu definiert. Sie sollen reparierbarer, transparenter und datenfähiger werden. Nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch wegen kritischer Rohstoffe, fragiler Lieferketten und der Frage, wie wettbewerbsfähig Europa künftig sein will. Steiner erinnerte daran, dass rund 80 Prozent des Impacts eines Produkts bereits in der Designphase entschieden werden. Wer Material, Nutzung, Reparatur, Rücknahme und Service erst am Ende bedenkt, kommt zu spät.
Damit verschiebt sich die Rolle von Design. Produkte sind nicht länger nur Objekte, sondern Teil von Systemen, Services und Datenflüssen. Sie kommunizieren mit Nutzerinnen und Nutzern, mit Plattformen, Maschinen und regulatorischen Infrastrukturen. Der digitale Produktpass, den Steiner vorstellte, ist dafür ein Schlüsselbegriff. Er soll künftig Informationen zu Materialien, Herkunft, Reparierbarkeit, Langlebigkeit und Kreislauffähigkeit bündeln. Für Steiner ist er weniger bürokratische Zumutung als digitales Rückgrat einer neuen Produktkultur.
Besonders klar wurde: Design muss früher in die Prozesse. Lifecycle Assessment, CAD Daten, Stücklisten und Product Lifecycle Management dürfen keine nachgelagerten Prüfstationen bleiben. Sie gehören in die Entwicklung selbst. Ökobilanzen müssten schon während des Entwerfens mitlaufen, nicht erst, wenn ein Produkt fertig ist. Steiners These: Design braucht keine völlig neuen Grundkompetenzen, aber eine neue Reichweite. Nutzerverständnis und Kreativität bleiben zentral. Hinzukommen müssen Impact Awareness, Data Literacy und systemisches Denken.
Die anschließende Podiumsdiskussion mit Julia Urbauer, Director bei Sustainable AG, und Manuel Braun, Gründer von ONSIGHT Solution, übersetzte diese Forderung in die Praxis. Urbauer brachte eine prägnante These mit: Design muss eine neue Sprache lernen. Gemeint ist die Sprache von Lifecycle Assessment, Nachhaltigkeitskennzahlen, Regulierung, Einkauf, Controlling und Management. Wer im Unternehmen Wirkung erzielen will, muss anschlussfähig werden. Nicht, indem Design seine eigene Haltung aufgibt, sondern indem es die Sprache der anderen versteht und sprechen kann.
Was trocken klingt, kann zur Chance werden. Urbauer sagte: „Es könnte sein, dass die Bewertung von Umweltaspekten am Produkt eine neue Sprache und eine Chance für diese ganze Gruppe an Menschen hier ist.“ Ihre Beobachtung: Nachhaltigkeit wurde in Unternehmen lange von oben gedacht, als Bericht, Strategie oder Managementaufgabe. Nun kommt sie beim Produkt an. Neue Regulierungen machen Nachhaltigkeit konkreter: Recyclingmaterialien, biobasierte Stoffe, Reparierbarkeit, neue Geschäftsmodelle, Vergleichbarkeit.
Für Designerinnen und Designer liegt darin ein Hebel. Sie müssen keine LCA Expertinnen und Experten werden. Aber sie sollten die Logik der Kennzahlen verstehen, um bessere Fragen zu stellen, Entscheidungen vorzubereiten und die richtigen Partner im Unternehmen einzubinden. Wer die Sprache von Nachhaltigkeitsmanagement, Vertrieb, Einkauf und Geschäftsführung beherrscht, kann früher mitreden und mehr bewegen.
Manuel Braun setzte den Fokus auf den Business Case. Nachhaltigkeit dürfe nicht länger vor allem als Kostenproblem behandelt werden. Die spannendere Frage laute: Wie schafft Kreislaufwirtschaft neuen Kundenwert? Wie entstehen neue Umsätze, neue Services, neue Bindungen? Braun sprach über Baumärkte, Werkzeuge und Reparaturservices und über die Erkenntnis, dass Kundinnen und Kunden oft gar kein Produkt besitzen wollen, sondern eine Aufgabe lösen möchten. Wer ein Loch in die Wand bohren will, braucht nicht zwingend eine eigene Bohrmaschine. Er braucht eine einfache, verlässliche Lösung.
Damit wird Circular Economy zur Designaufgabe und zur Geschäftschance. Wie einfach ist Mieten? Wie funktioniert Rückgabe? Welche Ersatzteile sind verfügbar? Wie entsteht Vertrauen? Braun brachte es auf den Punkt: „Lass uns kurz über die Kundenbindung sprechen, nicht über das Produkt.“ Reparierbarkeit, Modularität und Servicefähigkeit sind damit keine technischen Details. Sie entscheiden darüber, ob zirkuläre Geschäftsmodelle funktionieren.
Auch aus dem Publikum kam der Hinweis, dass Design in vielen Unternehmen noch immer zu spät und zu eng verstanden wird. Eine Rückmeldung fasste es so: „Industriedesigner sind mehr als Künstler. Sie unterstützen u. a. bei Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz, Strategieverwirklichung und Resilienz.“ Genau hier liegt eine der großen Chancen: Design kann abstrakte Anforderungen konkret machen. Es kann unterschiedliche Disziplinen verbinden, Zielkonflikte sichtbar machen und Zukunftsbilder in Prototypen übersetzen.
Die Diskussion zeigte, wie nah Design und Nachhaltigkeitsmanagement eigentlich beieinanderliegen. Beide Disziplinen übersetzen komplexe Anforderungen, moderieren Interessen, aktivieren Stakeholder und machen Veränderung greifbar. Nachhaltigkeitsabteilungen können deshalb wichtige Alliierte des Designs werden. Umgekehrt verfügt Design über Methoden, die Unternehmen in der Transformation dringend brauchen: Nutzerinterviews, Prototyping, Co Creation, Visualisierung und systemisches Denken.
Am Ende blieb eine klare Botschaft: Circular Economy ist keine Zusatzaufgabe, die man einem fertigen Produkt noch anhängt. Sie beginnt mit der Frage, welches Bedürfnis ein Produkt wirklich erfüllt und ob Besitz, Materialverbrauch und Wachstum immer die beste Antwort sind. Das 14. VDID Designers' Breakfast zeigte damit nicht nur den Handlungsdruck, sondern vor allem die Chancen. Design muss sich nicht neu erfinden. Aber es muss seine vorhandenen Stärken entschiedener einsetzen: früher, strategischer, mutiger und in der Sprache derer, die über Produkte, Budgets und Geschäftsmodelle entscheiden.
Circular Economy ist kein Nachhaltigkeitsthema mehr, sondern Business Case.
Das Designers’ Breakfast verbindet strategische Perspektiven, Praxisbeispiele und Industrieerfahrung. Es macht deutlich:
Design wird zum Transformationspartner – als Übersetzer zwischen Nachhaltigkeit und Business, zwischen Idee und Umsetzung.
Ein großer Dank geht an alle Teilnehmenden, Akteure und Helfer:innen für eine super gelungene VDID Veranstaltung. Gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Beratung im Rahmen der Antragstellung durch bayern design.
Siegfried Baldauf, diplom-designer(fh), stellvertr. Vorsitzender VDID Region 05 Bayern
Impressionen zur Veranstaltung
Jetzt Mitglied im VDID werden!
Unabhängig vom breiten Leistungsspektrum für seine Mitglieder, bietet der VDID eine Plattform für den berufsspezifischen Austausch mit kompetenten Kolleginnen und Kollegen. Die Kontakte und die Zusammenarbeit mit Ministerien der Wirtschaft und der Kultur sowie Design-Kooperationen auf regionaler und überregionaler Ebene sind wichtige Stützen des Verbandes.
Nahezu 400 IndustriedesignerInnen haben sich für eine Mitgliedschaft im VDID entschlossen. Und das hat gute Gründe. Werde auch Du Teil unseres Netzwerks!
Mitglied werden