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Veranstaltungs-Empfehlung Messe

Ist Mailand Geschichte?

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  • 21. - 26.04.2026
  • Mailand

Ein traditioneller Besuch in Mailand im Frühjahr / zur Möbelmesse – zum letzten Mal?

Seit Studienzeiten – also mehr als 4 Jahrzehnte war die Möbelmesse für mich und meine Kolleg:innen ein Grund im Frühjahr nach Mailand zu fahren – doch dieses Jahr war das Fass / die Stadt übervoll…

In der 2. Hälfte des April lädt Mailand jährlich zur Möbelmesse – und seit ca. 20 Jahren zu den „fuori saloni“, die die Messe mit Events und Sonderausstellungen in der Stadt anreichert. Meist hilft das Wetter sowie das italienische Flair, dass Kreative in die oberitalienische Großstadt pilgern, um sich interdisziplinär inspirieren zu lassen.

Doch in 2026 ging das so gut wie nicht – zu viele Menschen, eher Massen, insbesondere sogenannte Influencer und Szeneleute die primär zu den „Empfängen / Events“ die Stadt fluteten. Man hatte den Eindruck, dass es eher darum ging, sich mit einem Glas in der Hand durch die Räume zu schieben und dabei Selfies zu machen. Und bei über 1.800 Events in 5 Tagen parallel zur eigentlichen Messe – die deutlich weniger Stände und Inspiration bot – fragte man sich, ob überhaupt der Begriff Messewoche Mailand noch passt.
Durch die Massen an Menschen, war es ab Freitag (bis Sonntag) fast unmöglich sich vernünftig durch die Stadt, geschweige denn durch die „fuori saloni“ zu bewegen – es musste fast überall angestanden werden; wenn um ein paar Räume in einer Villa schon mal 30 – 60 Minuten angestanden werden muss, um überhaupt reinzukommen, verschwindet irgendwann das Interesse – und man fokussiert sich auf kleine italienische Oasen / Bistro’s (am besten Geheimtipps, die man sich in Jahren erforscht hat), um sich mit Kolleg:innen auszutauschen.

In den 80ern waren es wenige exklusive Galerien, Showroom-Locations von Firmen wie Boffi, Artemide, Flos etc. die in der Stadt ihre Türen öffneten, um ihre Design-Experimente der Öffentlichkeit und dem kundigen Fachpublikum zu zeigen.

So zeigten früher Micchele de Lucchi, Andrea Branzi, Ettore Sottsass, Matteo Thun u.v.a. z.B. mit ihren Memphis Objekten provokante Design-Experiment und setzten sich mit den Auswirkungen und Exzessen von Design öffentlich auseinander – begleitet von internationalem Fachpublikum aus Architektur und Design.

Nachdem die Messe aus der Innenstadt in das Messezentrum Rho umgezogen ist - verlagert sich das Design-Treiben um die Jahrtausendwende immer mehr in die Stadt – in Showrooms in Brera, bzw. irgendwann ganzen Industriearealen, wie die Zona Tortona (welche vor 20 Jahren noch ein verwahrlostes Stadtquartier mit leerstehende Fabrik- / Lagerhallen und Häusern war) und sich heute Designdistrict Tortona mit Museumsbauten wie dem Mudec, den Armani Silos und nicht zuletzt dem Superstudio Piu wo sich dieses Jahr in den 5 Tagen der „fuori saloni“ über 100.000 Menschen durchquetschten…

Die ganze Stadt war mit „Design-Pilger:innen“ geflutet – was sich auf Alles auswirkte – von den schon immer während der „Designweek“ absurden Übernachtungspreisen (Standardzimmer um 400€ / Nacht und selbst in Schlafsaal kostete ein Bett um die 100€!) über Verkehrschaos, bis hin zu den vielen Partys – die wiederum überfüllt waren.

Es war leider nicht möglich (wie sonst) durch die Stadt zu pilgern / sich treiben zu lassen und bei den „Interni-Fahnen“ einfach in einen Showroom abzubiegen – alles war überfüllt.
Die Messe mit parallellaufenden Showroom-Events in der Stadt anzureichern war vor über 30 Jahren eine tolle Idee (seit ca. 5 Jahren als „fuori saloni“ quasi eine eigene Veranstaltung) – und hatte vor ca. 10-15 Jahren seinen Höhepunkt; mit leerstehenden Hallen, die vielfach auch von Hochschulen, deutschen Marken wie Grohe, Miele u.v.a. mit großen Installationen bespielt wurden. Damals war vieles noch experimentell oder zum Aufladen der Marken spannend und spektakulär – aber einsehbar.

Inzwischen haben die eventartigen Ausstellungen und Installationen solche Dimensionen und Massen erreicht, dass der Spirit „neues zu entdecken“ extrem schwierig geworden ist (ohne lange anzustehen) – oder vergeblich umher zu Pilgern und doch wieder Altbekanntes zu sehen. Auch Automarken haben die „fuori saloni“ für sich entdeckt – zuerst wurden tatsächlich primär Studien gezeigt, um wie auf (den leider aussterbenden deutschen) Automessen, zu testen, was der Öffentlichkeit so gefällt. Dieses Jahr waren die Automarken offensichtlich in Mailand um ihr Marke – und tatsächlich auch neue Autos den Massen zu zeigen. Spannend, aber natürlich in Konkurrenz zu jungen Talenten - allein budgettechnisch eine andere Dimension.

Und doch bieten die „fuori saloni“ immer wieder auch exklusive Einblicke z.B. in alte Palazzi – so war nach 10 - 20 Minuten Anstehen doch noch ein Blick in den Palazzo Visconti möglich – Räume die das Design der ausgestellten Möbel automatisch in andere Dimensionen von Qualität gehoben haben – allein durch die Qualität der Räume / Gebäude – so klappt das auf einem Messestand sicherlich nicht – also doch …?

Ein krankheitsbedingt zuhause gebliebener Kollege hat parallel am Rechner mehr zu den Events im Netz gefunden / gesehen (ohne anzustehen) und mich mit spannenden Anreizen geärgert bzw.  geguided (Danke dem rosafarbenen Elefanten - RK) – doch wo bleibt zuhause am Rechner das Mailänder Flair und das eigene Entdecken von Produkten, Möbeln, Küchen, Leuchten etc. mit all den sensorischen Erlebnissen von Haptik, Olfaktorik, Optik, Akustik und den persönlichen Emotionen – und natürlich kann nur live ein persönlicher Austausch mit den Protagonisten stattfinden.

Also doch nochmals? – ja, aber nicht mehr während den „fuori saloni“ – war ich nach der Messewoche nochmals in Mailand und habe mir da noch laufende Designausstellungen z.B. in der Triennale in Ruhe und ohne lange Anzustehen angesehen und mich entspannt durch die Stadt bewegen können. Viel besser war auch, dass man sich nicht gehetzt und gedrängt fühlte „alles“ gesehen haben zu müssen und sich in Ruhe mit dem Gesehenen auseinandersetzen konnte.
Und - die Quartiere waren auch nur noch halb so teuer – und das Mailänder Flair funktioniert da einfach besser – da wesentlich mehr original milaneser Palaver um einen herum stattfinden kann…

Perfekt abrunden und „verarbeiten“ lässt sich solch eine anstrengende bzw. inspirierende Design-Tour am besten an den oberitalienischen Seen (Lago di Como, Lago Maggiore oder der Gardasee sind nur eine Stunde von Mailand weg) – und erlaubt einem noch mehr vom Dolce Vita und der eigenen Designwelt Oberitaliens zu genießen – ein persönlicher Tipp zur Work-Life-Balance.

rainer zimmermann, VDID redaktion

Impressionen zur Veranstaltung

  • 20260425milano 15triennale que1600x800
    Triennale Milano - Schlange vor "Eames House" — © rainer zimmermann, vdid redaktion
  • 20260425milano 54skoda epiq1600x800
    Skoda Event Location mit interaktiven Flächen — © rainer zimmermann, vdid redaktion
  • 20260424milano 149occhio1600x800
    Occhio showroom - Empfang — © rainer zimmermann, vdid redaktion
  • 20260424milano 157visconti1600x800
    Palazzo Visconti - Marmor gefasste Möbel — © rainer zimmermann, vdid redaktion
  • 20260424milano 175visconti1600x800
    Mailänder Chic im Palazzo — © rainer zimmermann, vdid redaktion
  • 20260425milano 28dior1600x800
    Dior Ausstellung und entsprechende Schlange — © rainer zimmermann, vdid redaktion
  • 20260425milano 132mini smith1600x800
    Mini Studie Paul Smith — © rainer zimmermann, vdid redaktion

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