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Resilienzfaktor Design

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  • 29.06.2026
  • Quelle: Redaktion, Julian Witte

Resilienz beginnt nicht an der Oberfläche.
Warum Industrial Design mehr kann und muss, als Produkte aufzuhübschen!

Anlässlich des World Industrial Design Day am 29. Juni 2026 und des diesjährigen Themas Resilienz beschäftigte mich die Frage: 
Welchen konkreten Beitrag kann Industrial Design leisten, um Produkte, Systeme und damit auch unsere Welt widerstandsfähiger zu machen.
Für mich liegt natürlich eine der wichtigsten Antworten darin, dass wir unsere Disziplin nicht auf das reduzieren dürfen, was häufig darunter verstanden und auch zuerst gesehen wird: Form, Oberfläche, Farbe, Stil.
Natürlich prägt die Gestaltung des Erscheinungsbildes die Wahrnehmung eines Produktes. Aber Industrial Design darf nicht nur dafür sorgen, dass Dinge im Auge der Betrachtenden »schöner« erscheinen. Im besten Fall sorgt Industrial Design dafür, dass Produkte wirklich besser werden. 
Besser bedeutet: verständlicher, langlebiger, wartungsfreundlicher, ressourcenschonender, flexibler, reparierbar und sicherer in der Anwendung. Genau darin liegt für mich der eigentliche Impact von Industrial Design.

Industrial Design als Wirkung, nicht als Oberfläche
Diesen Gedanken brachte ich als Narrativ in meinen Vortrag am 9. Mai 2026 auf dem Kreativwirtschaftstag in Frankfurt ein, um die Botschaft einer Zielgruppe außerhalb unserer Industrial Design-Blase zu vermitteln. Der Vortrag trug den Titel „Industrial Design Impact“. Gemeint war damit nicht der laute Effekt eines hochglanzpolierten Entwurfs, sondern die oft leisere, aber tiefgreifendere Wirkung von ganzheitlich strategischer Gestaltung im Produktentwicklungsprozess. Denn viele der wirklich relevanten Designentscheidungen entstehen dort, wo sie später kaum jemand bewusst wahrnimmt: in der inneren Struktur eines Produktes, in der Zugänglichkeit von Komponenten, in der Wahl von Verbindungen, in der Logik von Montage, Installation, Wartung, und Demontage oder auch in der Frage, ob Bauteile einzeln getauscht werden können, oder ob eine komplette Anlage ersetzt werden muss.

Ein technisches Produkt als Beleg
Als Beispiel dafür diente die Kleinhebeanlagenserie DrainLift MINI, die wir mit unserer Agentur in Kooperation mit und für die WILO SE entwickelt haben. Es handelt sich um eine Produktserie aus dem Bereich der Gebäudetechnik, die in kleinen Gebäuden eingesetzt wird, um häusliches, auch fäkalienhaltiges Abwasser zuverlässig in die Kanalisation zu fördern.
Das klingt zunächst nach einem sehr technischen und wenig sichtbaren und vor allem keinem prestigeträchtigen Produkt. Und genau deshalb ist es aus Designsicht so interessant. Denn hier zeigt sich ein enormes Potential und dass Gestaltung nicht erst dort relevant wird, wo ein Produkt emotional aufgeladen oder prominent im Raum inszeniert wird. Gestaltung ist auch dort entscheidend und kann einen nicht unerheblichen Mehrwert bieten, wo Produkte im Hintergrund arbeiten und über einen langen Zeitraum zuverlässig funktionieren müssen. Wo Wartung, Reinigung, Austausch und Installation keine Nebenthemen sind, sondern wesentliche Qualitätsmerkmale.
Bei der Entwicklung ging es nicht nur darum, eine neue Gerätegeneration formal zu gestalten. Es ging darum, bereits getroffene Entscheidungen zu hinterfragen, die gesamte Produktarchitektur intelligenter zu machen und so weiterzuentwickeln, dass sie in unterschiedlichen Einbausituationen gut funktioniert, bestehende Anschlüsse berücksichtigt, Serviceprozesse erleichtert und gleichzeitig Material, Bauraum und Varianten reduziert.
Und so zeigt sich bereits im Inneren der Anspruch an »gutes« Industrial Design:
Die Komponenten sind für Wartungszwecke leicht zugänglich, einfach entnehmbar und im Falle eines Defekts modular austauschbar. Abgänge lassen sich über Bayonettmechanik werkzeugfrei auswählen. Die zu bedienenden Teile sind durch die Markenfarbe gekennzeichnet und dadurch schneller verständlich und es werden, über die ganze Baureihe hinweg, Gleichteile verwendet. 

Produktintelligenz als Resilienzfaktor
Solche Details sind für Außenstehende nicht unbedingt im Tätigkeitsfeld von Designerinnen und Designern anzuordnen und klingen zunächst klein. In der Summe verändern sie jedoch die Qualität eines Produktes erheblich. Sie reduzieren Fehlbedienung. Sie erleichtern Reinigung und Wartung. Sie verkürzen Servicezeiten. Sie verbessern die Verständlichkeit. Und sie tragen dazu bei, dass Anlagen nicht komplett ersetzt werden müssen, wenn einzelne Baugruppen gewartet oder ausgetauscht werden können, was einen signifikanten Beitrag zur Ressourcenschonung darstellt und sowohl den Ease of Use als auch den Joy of Use erhöhen. 
Für mich ist genau das ein zentraler Aspekt von Resilienz im Industrial Design: Produkte müssen nicht nur im Neuzustand überzeugen. Sie müssen mit Nutzung, Alterung, Wartung, Reparatur und Veränderung umgehen können. Ein resilientes Produkt ist nicht einfach nur robust. Es ist so gestaltet, dass es über seinen Lebenszyklus hinweg sinnvoll im System bleiben kann. Und die konsequente Beachtung dieser Aspekte während des Designprozesses hat dazu beigetragen, dass das Projekt mit dem DDC Award „Was ist gut?“ in Silber ausgezeichnet wurde – die einzige Auszeichnung in der Kategorie »Produkt«.

Regulierung als Chance für das Design
Diese Haltung wird auch durch aktuelle regulatorische Entwicklungen gestärkt. Die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) und übergeordnet natürlich der European Green Deal verschieben den Blick auf Produkte deutlich in Richtung Langlebigkeit, Reparierbarkeit, Ressourceneffizienz, Kreislauffähigkeit und Transparenz. Für uns als Industrial Designer:innen ist das keine formale Nebenbedingung, sondern eine Aufforderung und Chance, unsere Kompetenzen früh und wirksam in Entwicklungsprozesse einzubringen.
Denn wir können an genau den Schnittstellen arbeiten, an denen sich entscheidet, ob ein Produkt später gut verstanden, richtig bedient, einfach und schnell gewartet, modular repariert, recycelt oder ressourcenschonend ersetzt werden kann. Wir gestalten nicht nur »Hüllen«. Wir gestalten die Beziehung zwischen Mensch, Produkt, Service, Infrastruktur und Umwelt. 

Design mit Verantwortung
Ein Produkt wie die Wilo-DrainLift MINI zeigt für mich, dass Industrial Design auch in einem technischen, unscheinbaren und wenig glamourösen Produktumfeld einen entscheidenden Beitrag in Bezug auf Resilienz leisten kann. Gerade dort wird sichtbar, worum es eigentlich geht: nicht um das Aufhübschen eines Produktes, sondern um dessen Verbesserung.
Wenn wir als Industrial Designer:innen über Resilienz sprechen, dann sprechen wir über Verantwortung. Über die Verantwortung, Produkte nicht nur attraktiver, sondern sinnvoller zu machen. Über die Verantwortung, Ressourcen zu schonen und Nutzung zu erleichtern. Über die Verantwortung, Systeme nicht komplexer, sondern verständlicher zu gestalten. Und über die Verantwortung, unsere Disziplin dort einzubringen, wo Produkte tatsächlich entstehen: früh, interdisziplinär und mit Blick auf den gesamten Lebenszyklus.
Industrial Design kann die Welt nicht allein resilienter machen. Aber es kann einen signifikanten Beitrag leisten. Denn Resilienz beginnt nicht an der Oberfläche. Sie beginnt im Inneren der Produkte.

Julian Witte, unyt.berlin GmbH & Co. KG, Regionalvorsitz Region 07, Juni 2026

Impressionen

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    © Julian Witte, unyt.berlin
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    © Julian Witte, unyt.berlin

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