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Puppen und Autos

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  • 09.06.2026
  • Quelle: Redaktion

Ganzheitliches Designdenken hat nichts mit Geschlechtern zu tun. Vielmehr handelt es sich um die Fähigkeit einer spezifischen Denkweise. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass es aufgrund kultureller Prägung geschlechterbedingte Unterschiede gibt.

Während unserer langjährigen Lehrtätigkeit an der Hochschule Pforzheim konnten mein Geschäftspartner Prof. Jürgen Goos und ich folgende Tendenzen feststellen:

Der Anteil an Frauen, die Industriedesign studieren, hat sich deutlich erhöht, auf annähernd die Hälfte. Bei ihrer Abschlussarbeit ziehen die meisten Studentinnen jedoch nicht-technische Themen vor.

Viele Studierende bringen mangelndes technisches Verständnis mit, was bei weiblichen Studierenden etwas ausgeprägter ist. Etwa ¾ der Industriedesignstudierenden weisen eher schwache bis mittlere MINT-Leistungen auf. Der Anteil der Studentinnen mit guten Noten in MINT-Fächern ist jedoch höher als der der männlichen Kommilitonen.

Im Gegensatz dazu fällt der Zugang zum CAD vielen Frauen - trotz der besseren Noten in MINT-Fächern - oft nicht leicht. Weckt man jedoch Interesse am CAD erzielen Studentinnen sehr gute Ergebnisse. Durch deutlich größeres Engagement kompensieren Studentinnen darüber hinaus häufiger geringere technische oder handwerkliche Übung.

Soziologisches Gedächtnis der Kultur, Rollenbildung und Erziehung

Laut Klischee spielen Mädchen mit Puppen und Jungs mögen Autos und Bagger. An dieser Stelle soll nicht darauf eingegangen werden, was erlernt oder angeboren ist. Vielmehr sollen die Auswirkungen dieser Klischees auf Frauen in klassischen Männerberufen betrachtet werden, insbesondere auf das Berufsbild „Industriedesign“. Denn das soziologische Gedächtnis der Kultur, Rollenbildung, Erziehung und gesellschaftliche Erwartungen spielen definitiv eine Rolle.

Es kostet immense Energie, dies zu überwinden. Frauen fällt es in klassischen Männerberufen oft viel schwerer, sie müssen sich viel mehr engagieren, mehr leisten, besser sein, damit man ihnen ihre Kompetenz abnimmt. Anders als ihre männlichen Kollegen, denen Kompetenz aufgrund des traditionellen Rollenverständnisses häufig automatisch zugeschrieben wird.

Eine Designerin im Industriedesign muss zwei Hürden überwinden:

Zum einen die geschlechterunspezifische Hürde des Berufsbildes an sich: Das Gegenüber muss dem Designer erst einmal Kompetenz zuschreiben, anerkennen, dass Design eine relevante Disziplin ist. Dass ein guter Designer die Dinge nicht kompliziert, teuer und unfunktional macht, sondern durch bewusste Gestaltung und Strukturierung Produkten einen Mehrwert geben kann.

Die zweite Hürde: Eine Frau im Industriedesign muss zusätzlich beweisen, dass sie sich nicht nur mit Gestaltung auskennt (diese Fähigkeit wird Frauen durchaus zugestanden), sondern dass sie technische Kompetenz besitzt und über Expertise in den Bereichen Konstruktion oder Fertigungstechniken verfügt. Eine handwerkliche Ausbildung erweist sich hier als Referenz hilfreich.

Sind diese beiden Hürden genommen, wird die Frage des Geschlechts irrelevant - und man wird als Partner auf Augenhöhe akzeptiert.

Doch wie ist es mit Frauen in Führungspositionen im Industriedesign?

Zu Beginn meiner Arbeit in der Geschäftsleitung als Juniorpartnerin, war ich der irrigen Annahme, mit Business-Kostümen und Pumps als „seriöse Geschäftsfrau“ auftreten zu müssen. Dennoch wurde ich

häufig lediglich als die Begleitung des Professors angesehen. Oft war ich gekränkt und fühlte mich degradiert, wenn wieder einmal der „Chef“ verlangt wurde oder nur meinem Partner die Hand gegeben wurde. Ich habe mich gefragt, wer ich bin - und sein will.

Mein Geschäftspartner und ich haben bewusst daran gearbeitet, dass ich aus dem Schatten trete und im Büro als gleichberechtigte Geschäftsführerin wahrgenommen werde: Ich habe vermehrt Präsentationen übernommen, den Kunden proaktiv als Erste begrüßt, die Ergebnisse zusammengefasst, den Schlusspunkt gesetzt. Die Kleiderwahl trat in den Hintergrund, Fähigkeiten und Expertise wurden sichtbar gemacht. Mit Erfolg: Heute bin ich gleichwertige und souveräne Vertreterin unseres Designbüros.

Souveränität zu erlernen ist eine Frage der Übung. Man muss mutig sein, lernen, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben und so Selbstbewusstsein erlangen. Sich zu verbiegen oder ängstlich willfährig sein, ist ein Holzweg. Sich in eine Opferrolle zu begeben ist nicht zielführend. Man darf – und muss sogar - authentisch sein und zu sich selbst stehen.

Die Erfahrung zeigt, dass man als Frau in leitender Position in einem Männerberuf Durchhaltevermögen, Willensstärke, Hartnäckigkeit und Mut braucht. Eine hohe fachliche Kompetenz ist essenziell, dazu gehören Gestaltungskompetenz, technisches Fachwissen sowie ein breitgefächertes Wissen in verschiedensten Themen. Soziale Kompetenz, um sein Gegenüber abzuholen sowie unternehmerisches Denken sind unerlässlich. Dazu gehört es auch, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, Risiken zu tragen und Mitarbeiter zu führen.

Frauen sollten den Mut haben, sich mehr auf Technik einzulassen und an sich und ihre Fähigkeiten zu glauben – und das beginnt schon bei der Wahl des Studienfachs. Es gibt keine geschlechterbedingten Unterschiede oder gar Defizite, die Frauen weniger befähigen würden. Frauen besitzen Verstand, Stärke, Leidensfähigkeit, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit nicht den einfachen Weg zu gehen.

Aber das Allerwichtigste, um Erfolg zu haben, ist Hingabe und persönlicher Einsatz sowie die Liebe zum Gestalten, Entwickeln, Lösungen zu finden, neue Wege zu gehen.

Dies - um den Kreis zu schließen – sind keine geschlechtsspezifischen Fähigkeiten.

Bettina Baacke, cognito GBR und VDID Delegierte Region 04 BaWü, Juni 2026

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