Orientierung bei Designpreisen
- 04.05.2026
- Quelle: Redaktion
Designpreise zwischen Glaubwürdigkeit und Geschäftsmodell – eine Einordnung des VDID
Stellungnahme des VDID (Verband Deutscher Industrie Designer e.V.) zum Spiegel-Bericht über kostenpflichtige Designauszeichnungen.
Der kürzlich im Spiegel Online (Ausgabe vom 02.02.2026, Artikel: „Sie wollen für Ihre Arbeit auch mal ausgezeichnet werden? Das macht 2900 Euro“) erschienene Bericht über die Praxis kostenpflichtiger Designpreise – allen voran den German Design Award – hat in der Designbranche zu Recht Aufmerksamkeit erregt. Beschrieben wird ein System, in dem Gewinner:innen statt eines Preisgeldes eine Rechnung erhalten: bis zu 2.900 Euro für ein „Winner Package", das primär der eigenen Vermarktung dient. Mehr als 1.300 Auszeichnungen bei knapp 3.900 Einreichungen ergeben eine Siegesquote von 34 Prozent – Zahlen, die den Charakter eines echten Wettbewerbs in Frage stellen.
Als Berufsverband der Industriedesigner:innen in Deutschland nehmen wir diese Debatte ernst. Wir möchten jedoch keine pauschale Verurteilung vornehmen, sondern zur notwendigen Differenzierung beitragen. Denn die Welt der Designpreise ist keine homogene Landschaft – und diese Unterscheidung ist für alle Beteiligten, Designerinnen und Designer ebenso wie Unternehmen und deren Kund:innen, von grundlegender Bedeutung.
Zwei Welten, zwei Logiken
Es gibt, vereinfacht gesagt, zwei grundlegend verschiedene Kategorien von Designpreisen, die nach ganz unterschiedlichen Logiken funktionieren.
Die erste Kategorie umfasst kommerzielle Award-Plattformen, wie sie der Spiegel-Bericht beschreibt. Diese Preise sind – und das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung – explizit als Marketinginstrumente konzipiert. Wer sich bewirbt, erwirbt im Erfolgsfall das Recht, ein bekanntes Logo zu nutzen, das auf internationalen Messen und in Kundengesprächen Wirkung entfaltet. Der Preis ist nicht primär eine fachliche Würdigung, sondern ein Kommunikationsmittel. Diese Logik ist dem Markt bekannt und grundsätzlich legitim – sofern sie klar kommuniziert wird. Das Problem entsteht dort, wo die Kostenpflicht in den AGB vergraben wird und Teilnehmende unvorbereitet mit vier- oder fünfstelligen Rechnungen konfrontiert werden. Intransparenz untergräbt das Vertrauen in das gesamte System.
Die zweite Kategorie sind Preise, die einer anderen Tradition verpflichtet sind: der fachlichen Auseinandersetzung mit gestalterischer Qualität, ohne kommerzielles Interesse im Hintergrund. Hierzu zählen etwa der Focus Open, der Internationale Designpreis Baden-Württemberg, der James Dyson Award sowie der New Talents Award des VDID. Diese Auszeichnungen sind für alle Teilnehmenden kostenfrei. Die Jurys sind ehrenamtlich besetzt und bestehen aus anerkannten Fachleuten der Branche. Gewinner:innen erhalten ein reduziertes Marketingpaket – zusätzlich dazu erhalten sie etwas, das in der Designpraxis mindestens ebenso wertvoll ist: ehrliches, fundiertes Feedback zu ihrer Arbeit.
Das strukturelle Problem: Glaubwürdigkeit ohne Reichweite
Der VDID sieht jedoch klar, dass diese zweite Kategorie ein strukturelles Problem hat. Preise wie der Focus Open oder der New Talents Award sind innerhalb der Fachcommunity angesehen und respektiert. In der Breite – bei Auftraggebern, Einkaufsentscheidern, in der Unternehmenskommunikation – sind sie deutlich weniger präsent als ihre kostenpflichtigen Pendants. Das liegt nicht an mangelnder Qualität, sondern an einem schlichten Ungleichgewicht der Ressourcen. Wer jährlich mehrere Millionen Euro aus Teilnahme- und Servicegebühren generiert, kann diese Mittel in Reichweite, Messepräsenz und Kommunikation investieren. Wer auf Gebühren verzichtet und ehrenamtlich arbeitet, kann das nicht.
Das Ergebnis ist paradox: Auszeichnungen mit geringerem fachlichem Anspruch entfalten im Außenverhältnis eine größere Wirkung als solche mit höherer inhaltlicher Integrität. Designer:innen und Unternehmen, die ihre Entscheidung allein nach der Werbewirksamkeit eines Logos treffen, werden tendenziell zu den kommerziellen Plattformen gravitieren – unabhängig davon, ob sie die dahinterstehende Logik kennen oder nicht.
Entscheidungskompetenz stärken – nicht pauschal verurteilen
Aus Sicht des VDID wäre es falsch, aus diesem Befund eine generelle Ablehnung kostenpflichtiger Preise abzuleiten. Die Entscheidung, welcher Award welchem Zweck dienen soll, liegt bei den Designerinnen und Designern sowie den Unternehmen – und sie sollte auf einer informierten Grundlage getroffen werden.
Wer einen Award als Marketinginstrument nutzen will, um international sichtbar zu sein und Kaufentscheidungen zu beschleunigen, kann das bewusst tun. Wer fachliche Anerkennung, unabhängiges Feedback und die Einschätzung einer kompetenten Jury sucht, findet diese bei Preisen wie dem Focus Open oder dem New Talents Award – ohne finanzielles Risiko bzw. einem kalkulierbaren Betrag, der transparent als Anmeldegebühr bezahlt wird, um die laufenden Kosten des Awards zu decken. Beides hat seine Berechtigung, solange die zugrundeliegende Logik transparent ist und die Erwartungen der Teilnehmenden erfüllt werden.
Was der VDID hingegen klar ablehnt, ist die systematische Verschleierung von Kosten gegenüber Teilnehmenden, die – wie im Spiegel-Bericht geschildert – erst nach Monaten mit einer Rechnung konfrontiert werden, nachdem die Widerrufsfrist längst abgelaufen ist. Das ist kein Marketingmodell, das ist irreführende Geschäftspraxis, die der gesamten Branche schadet.
Was die Branche jetzt braucht
Der VDID fordert mehr Transparenz im gesamten Ökosystem der Designpreise: klare und frühzeitige Kommunikation aller anfallenden Kosten, eine ehrliche Darstellung von Siegesquoten und Auswahlkriterien sowie ein stärkeres Bewusstsein innerhalb der Branche für die Unterschiede zwischen den verschiedenen Award-Formaten.
Darüber hinaus setzen wir uns dafür ein, dass fachlich integre, kostenfreie Auszeichnungen mehr gesellschaftliche Sichtbarkeit erhalten. Dabei sind wir nicht auf uns allein gestellt – und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Beitrags. Es gibt Unternehmen, die den Wert von Industriedesign nicht nur verstehen, sondern aktiv fördern. Unternehmen wie Mentor GmbH, Miele GmbH, Dyson sowie Park Academy haben diesen Schritt bereits vollzogen: Als Fördermitglieder des VDID bekennen sie sich öffentlich zur Bedeutung gestalterischer Qualität und fördern den Verband – nicht weil sie ein Logo kaufen, sondern weil sie erkannt haben, dass starkes Design ein strategischer Wettbewerbsvorteil ist, der einer lebendigen Fachcommunity bedarf.
Dieses Engagement verdient nicht nur Anerkennung, sondern sollte Schule machen. Unternehmen, die Industriedesign als Kernkompetenz begreifen, tragen durch ihre Fördermitgliedschaft dazu bei, dass kostenfreie Preise wie der New Talents Award überhaupt realisiert werden können – ohne Teilnahmegebühren, ohne versteckte Rechnungen, aber mit echter fachlicher Substanz. Das ist ein Modell, das zeigt, wie Förderung funktionieren kann, wenn sie aus Überzeugung und nicht aus Kalkül entsteht.
Mindestens ebenso unverzichtbar ist das ehrenamtliche Engagement unserer Mitglieder und Unterstützer. Juryarbeit, Mentoring, fachliche Beratung, die Organisation von Wettbewerben – all das geschieht im VDID Umfeld in erheblichem Umfang ohne Vergütung, getragen von Menschen, die an die gesellschaftliche Relevanz guten Designs glauben. Dieser Einsatz ist das eigentliche Fundament eines glaubwürdigen Auszeichnungswesens. Er lässt sich nicht mit Gebühreneinnahmen erkaufen und auch nicht durch ein Marketingbudget ersetzen. Ganz besondere Anerkennung verdienen Frau und Herr Lindinger, die durch eine zweifach hohe finanzielle Unterstützung den VDID New Talents Award erst ermöglicht haben.
Doch ehrenamtliches Engagement und Fördermitgliedschaften allein können nicht die gesamte strukturelle Last tragen, die ein professionell arbeitender Berufsverband schultern muss. Hier ist auch die Politik gefragt. Berufsverbände wie der VDID übernehmen Aufgaben, die im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegen: Sie sichern Qualitätsstandards in einem Berufsfeld, das maßgeblich zur Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland beiträgt, sie fördern den Nachwuchs, vertreten die Interessen einer oft kleinteilig organisierten Selbstständigenbranche und schaffen Öffentlichkeit für ein Thema – Design als Innovationstreiber –, das in der politischen Wahrnehmung noch immer unterrepräsentiert ist. All das erfordert Ressourcen, die über Mitgliedsbeiträge allein nicht dauerhaft zu finanzieren sind.
Der VDID appelliert deshalb an das Bundesministerium für Wirtschaft sowie an die zuständigen Landesministerien, die institutionelle Förderung von Designberufsverbänden strukturell zu stärken. Wer als Politik den Wert von Design für Wirtschaft, Gesellschaft und Innovationsfähigkeit erkennt – und das tut die Bundesregierung in verschiedenen Strategiepapieren ausdrücklich –, muss auch die Strukturen fördern, die diesen Wert in der Breite verankern. Eine verlässliche öffentliche Förderung schafft die Handlungsfähigkeit, die ein Verband benötigt, um unabhängig, glaubwürdig und wirksam zu arbeiten – ohne auf kommerzielle Modelle angewiesen zu sein, wie sie der Spiegel-Bericht zu Recht kritisiert.
Es liegt an uns als Verband, an engagierten Förderunternehmen, an der Politik und an der Fachpresse gemeinsam, die Strukturen für ein glaubwürdiges Designförderungswesen in Deutschland zu stärken und in den Köpfen von Auftraggebenden und Unternehmen stärker zu verankern. Fachliche Exzellenz darf nicht im Schatten kommerzieller Reichweite verschwinden.
Ein Designpreis soll das sein, was sein Name verspricht: eine Auszeichnung. Ob er das ist, hängt nicht vom Preisgeld ab – wohl aber von Unabhängigkeit, Transparenz und der Qualität des Urteils. Und davon, dass Menschen, Unternehmen und die öffentliche Hand bereit sind, diesen Anspruch mit ihrer Zeit, ihrem Namen, ihrem Engagement und ihren Mitteln zu stützen.
Statement von Frederike Kintscher-Schmidt und Linda Ruth Schmidt; Vorsitz VDID
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Unabhängig vom breiten Leistungsspektrum für seine Mitglieder, bietet der VDID eine Plattform für den berufsspezifischen Austausch mit kompetenten Kolleginnen und Kollegen. Die Kontakte und die Zusammenarbeit mit Ministerien der Wirtschaft und der Kultur sowie Design-Kooperationen auf regionaler und überregionaler Ebene sind wichtige Stützen des Verbandes.
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