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Design unter Stress

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  • 28.03.2026
  • Quelle: Redaktion

Wie Gestaltung Orientierung schafft, wenn jede Sekunde zählt.

1. Ausgangspunkt
Meine Arbeit im Rettungs- und Sanitätsdienst hat mich auf das Thema aufmerksam gemacht. Dort wird schnell sichtbar, wie stark medizinische Produkte auf Einmalnutzung ausgelegt sind. Jeder Einsatz hinterlässt Abfall, oft mehr, als man erwarten würde.
Das hat weniger mit einem fehlenden Bewusstsein zu tun als mit den bestehenden Systemen. Hygiene, Zeitdruck und Haftung führen dazu, dass Materialien konsequent entsorgt werden. Ich habe festgestellt, dass es viele Möglichkeiten zur Optimierung gibt. Es gibt Alternativen, die sich jedoch bislang kaum durchgesetzt haben.
Diese Erfahrung war der Ausgangspunkt für mein Emergency-Layer-System.

2. Problem: Nutzung unter Stress
Im Rettungsdienst arbeiten geschulte Personen. Abläufe werden trainiert, Handgriffe sitzen. Außerhalb dieses Kontexts verändert sich alles, und es ist schwer, dies vorherzusehen. In Notfallsituationen reagieren Menschen unterschiedlich. Einige handeln, viele zögern und manche erstarren. Selbst einfache Handlungen werden schwierig. Studien zeigen, dass Menschen unter akutem Stress in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind (vgl. Leach, 2004).
Produkte müssen daher nicht nur funktionieren, sondern auch unter Stress leicht verständlich sein. Informationen sollten reduziert und Entscheidungen geführt werden. Das bedeutet auch, dass man als Gestaltender zurücktritt. Eigene formale Ideen verlieren an Bedeutung. Gestaltung wird weniger zum Ausdruck gebracht und dient mehr der Orientierung.

3. Analyse bestehender Produkte
Zu Beginn habe ich eine Vielzahl bestehender Produkte untersucht, darunter etablierte Hersteller und günstige Massenware. Ein Fokus lag auf Tourniquets und Trauma Bandagen. Diese sind in bestimmten Situationen entscheidend, unterscheiden sich jedoch stark in ihrer Handhabung.
In meiner Analyse zeigt sich eine große Bandbreite an Ansätzen. Farben, Formen und Mechaniken variieren deutlich. Für geübte Anwender stellt das weniger ein Problem dar, ungeübte Nutzer werden verunsichert. Klare, wiederkehrende Gestaltungsmuster sind kaum erkennbar.
Ein Notfallprodukt sollte einfach und schnell verständlich sein. In der Realität ist das jedoch selten der Fall.

4. Gestaltung als Orientierung
Oft wird die menschliche Orientierung durch Farben oder Labels erzeugt. Das greift jedoch zu kurz. Formen, Haptik und Anordnung spielen eine ebenso wichtige Rolle. Menschen reagieren auf räumliche Hinweise oft schneller als auf Texte, allerdings nicht einheitlich. Gestaltung sollte daher das Verhalten gezielt lenken.
In meinem Projekt habe ich mit klaren Prioritäten und reduzierten Informationen gearbeitet. Ziel war es, Handlungssicherheit zu schaffen, ohne zu überfordern.
Mein Notfall-System ist in drei Ebenen gegliedert. Auf der obersten Ebene liegen Maßnahmen, die unmittelbar über Leben und Tod entscheiden können, etwa bei starken Blutungen. Darunter folgen die Schritte, die in den nächsten Minuten relevant werden, wie zum Beispiel das Anfordern von Hilfe oder der Schutz vor Unterkühlung. Erst in der untersten Ebene befinden sich Materialien für kleinere Verletzungen, die weniger zeitkritisch sind.
Klassische Erste-Hilfe-Sets sind dagegen oft sehr umfangreich und normativ vorgegeben (vgl. DGUV, 2023). Für ungeübte Nutzer fehlt dadurch eine klare Orientierung. 
Die Staffelung in meinem Notfall-System soll genau das ändern: weniger Auswahlmöglichkeiten klarere Reihenfolge, schnellere Entscheidungen.

5. Hygiene und Systemgrenzen
Hygiene ist ein zentraler Faktor in der Notfallmedizin. Viele Produkte sind aus gutem Grund Einwegprodukte. Das führt zu einem hohen Ressourcenverbrauch. Gleichzeitig sind wiederverwendbare Systeme oft schwer in bestehende Abläufe integrierbar, weil Prozesse im medizinischen Kontext stark standardisiert und eingespielt sind. Anpassungen bedeuten Schulungen, Änderungen von Standardarbeitsanweisungen (SOPs) und zusätzlichen organisatorischen Aufwand, der im Alltag kaum Platz findet.
Die Herausforderung liegt darin, Sicherheit, Einfachheit und Nachhaltigkeit zusammenzubringen.

6. Fazit
Die Qualität der Gestaltung von Medizinprodukten zeigt sich erst dann wirklich, wenn Menschen unter Druck handeln müssen. Das Emergency Layer System ist ein Versuch, diesen Raum neu zu denken. Nicht als fertige Lösung, sondern als Ausblick darauf, wie Gestaltung Handlungen klarer und zugänglicher machen kann.

Gerade dann, wenn jede Sekunde zählt

Moritz Scheffer, VDID Mitglied


Quellen
- Leach, J. (2004): Why people ‘freeze’ in an emergency
- DGUV (2023): Liste Erste-Hilfe-Material

Impressionen

  • Slider cc Amelie Traub
    Emergency Layer System von Moritz Scheffer — © Amelie Traub

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