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Durchblick verloren?

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  • 16.03.2026
  • Quelle: Redaktion

Durchblick (trotz zu viel Licht) verloren? Gedanken zur Gestaltung der Lichtflut von rainer zimmermann

Zurück von der internationalen Leitmesse Light+Building – und quasi „geflashed“ mit neuen Technologien in der Lichtgestaltung, innovativen Lichtquellen, individueller Ansteuerungen, adaptiver Lichtkontrolle usw. sollte man doch von einem fantastischen Feld für Design und neue Innovationen nur noch begeistert sein - doch wo bleibt bei all der Neuigkeit die Verantwortung.

Wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt, kann es einem von all den Lichtern schon mal schlecht werden – denn Masse ist nun wirklich nicht gleich Qualität – auch oder gerade bei der Ausleuchtung.

Wenn man durch die Städte oder Industrieareale unserer Republik kommt, sieht man, dass effizientere Leuchten nicht nur Vorteil bringen, sondern durch leider unqualifizierten Einsatz zu einer massiven Lichtverschmutzung führen.
Wo früher ein 500W Halogenstrahler hing, um einen bestimmten Bereich auszuleuchten, hängt jetzt ein oder gar mehrere LED Strahler, mit weniger Strombedarf aber gleichzeitig höherer Lichtausbeute - dank besserer Effizienz und länger Lebensdauer - ist doch super!? Leider meistens nicht, denn der Wucher mit mehr verfügbarem und günstigerem Licht, hat leider nicht zu mehr qualitativem Ausleuchten geführt, sondern zu einer massiven Lichtverschmutzung.

In den meisten Fällen werden leider keine Profis angefragt, die für eine balancierte und sinnvolle Ausleuchtung sorgen, sondern man orientiert sich daran, was es kostet - nach dem Motto „es kann ja nicht hell genug sein“, und wenn die LED Strahler weniger kosten, länger leben bzw. leuchten und dann auch noch pro Watt heller leuchten – „darf es auch mal a bissle mehr sein“. Leider beachtet dabei scheinbar niemand, dass durch die massiv gesteigerte Lichtintensität das Umfeld ebenfalls beeinflusst wird. Durch meist flutlichtartige Strahler, wird oft nicht nur der geplante Hof, sondern auch die Nachbarschaft – bei Industriearealen oft die benachbarte Natur – massiv geblendet. In Straßennähe auch der Verkehr.

Nun könnte Vieles mit einfacher Gestaltung in den Griff zu bekommen sein, doch leider wird an professioneller „Gestaltung“ bzw. Lichtplanung gespart… „Na dann leuchten wir halt den Wald / die Straße / das Gebäude nebenan mit aus – sorgt doch für mehr Sicherheit und Sichtbarkeit“ hört man da – dass dies aber insgesamt zu einer global exzessiven Lichtverschmutzung führt, scheint leider kaum jemand zu stören…
Hier bedarf es dringend einer Aufklärung und Sensibilisierung, dass sauber geführte Lichtgestaltung mit gezielterer Ausleuchtung zu einer angenehmeren Wahrnehmung und positiveren Wirkungen von Produkten, Objekten, Gebäuden, Firmen, Marken etc. führen kann.

Auch wenn es immer mehr technische Möglichkeiten gibt, z.B. mit ansteuerbaren LED-Folien quasi überall Werbung (mit statischen Grafiken, Animationen bis hin zu Fernsehbildern) auch noch kostengünstig anzubringen, wird die Verantwortung immer wichtiger, dies balanciert und „in Maßen“ zu tun.

Bei jeder Art von Aus- oder Beleuchtung, sollten deshalb dringend professionelle (Licht-) Planer:innen mitwirken, denn nur so kann gewährleistet werden, dass die gewünschten Bereiche auch zielgerichtet und definiert ausgeleuchtet werden – wie es z.B. im Büro mit teilweise tageszeitabhängig angepassten Lichtfarben und Temperaturen der Leuchten gesteuert werden kann, dass das Auge und damit die Mitarbeiter:innen nicht ermüden…

Ein anderes Beispiel fehlgelaufener Lichtgestaltungsprozesse sind die Lichtsysteme an Autos – von den „Lichtgestaltungs-Exzessen“ der Leuchtfelder am Heck, zu den Stadion-Ausleuchtungsorgien an der Front, kann einem als Entgegenkommender manchmal nur noch schlecht werden…
Wann hat sich die Idee durchgesetzt, dass eine gut ausgeleuchtete Straße nicht mehr ausreicht, sondern man den Fahrer:innen möglichst die ganze Welt, die links und rechts vor ihnen liegt, massiv ausleuchtet – und dabei die Entgegenkommenden mit Fahrrad oder zu Fuß, bis zur Orientierungslosigkeit blendet…
Wenn Kurvenlichter nicht mehr die Straße, sondern den Wald bis in 20m Höhe ausleuchten und bei Kuppen, die automatische Abblendfunktion erst reagiert, wenn sie die entgegenkommende Lichtquelle physisch mit der Kamera erfasst hat, während geschulte Fahrer:innen ihr Fernlicht schon manuell abblenden, wenn sie einen entgegenkommenden Lichtkegel in der Kurve sehen. Leider wurden auch hier die Symptome der Automatisierungen in der Bedienung von Geräten im Verkehr nicht wirklich zu Ende gedacht.

Ist es denn nicht auch unsere gesellschaftliche Verantwortung, Design so zu Denken und umzusetzen, dass das Produkt nur den Usern Vorteile verschafft – und dabei zum Nachteil von Schwächeren bzw. dem Gegenüber führt.

Obliegt es denn nicht der Verantwortung von uns Gestalter:innen, z.B. die Lichtführung durch Lichtquellen in Kooperation mit den Entwicklungsabteilungen und Vorschriften so auszuführen, dass nicht entlang dem aktuell leider häufig angeführten Argument der maximalen Stärke gestaltet wird.

Es gibt sie auch schon; die dynamische Lichtsteuerung, die nur nach Bedarf einschaltet bzw. hochgefahren wird. Oder die Leuchten, die genau geführt das gewünschte Feld im richtigen Ausmaß ausleuchten (z.B. durch zusätzlich justierbare Blenden) – und dabei den Rest des Umfeldes im natürlichen Licht bzw. Dunkel lassen – und somit auch die Natur nicht unnötig „belästigen“.

Effizienz – eigentlich ein Credo von Industriedesign – sollte doch die Prämisse sein; nicht „laut schreiend“ zu gestalten, sondern mit dem Gespür für das Notwendige, Wirksame und Angenehme – schlicht verantwortungsvoll so zu agieren, wie es der VDID auch schon in seinem vor vielen Jahren und immer noch gültigen Codex definiert hat.

Der VDID und seine Projektgruppen Berufsbild, Ethik, KI, Nachhaltigkeit und Wirtschaft behandeln diese Punkte der gesellschaftlichen Verantwortung und Wertschöpfung durch Design immer wieder und geben somit seinen Mitgliedern aktiv Argumente zu Dialogen mit Entwicklungsabteilungen und Entscheidungsträger:innen.

Ich finde, die gesellschaftliche Verantwortung von Designschaffenden sollte und darf nicht unterschätzt werden – dieses Potential müssen wir gleichzeitig kultivieren und mit zu unserem Wertschöpfungs-Esset zählen, einsetzen und aktiv kommunizieren.
Die Schaffung von Markt- und Wirtschaftskraft durch positive Wirksamkeit, verbunden mit der Verantwortung für optimal gestaltete Produkte, die möglichst perfekt funktionieren, ressourceneffizient und nachhaltig sind, bzw. kreislauffähig hergestellt und bei Bedarf repariert werden können, gehört doch zu unserer Kernkompetenz und unserer Profession.

In diesem Sinne – den Focus auf Design halten…

rainer zimmermann
diplom produktgestalter und transportdesigner (m.a. r.c.a.)
vdid delegierter region 04 und vdid redaktion

Impressionen

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    Wenn die Ausleuchtung einer Industrieanlage die benachbarten Feldhasen erblinden lässt... — © rainer zimmermann, vdid

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