Fachbeitrag zum Berufsbild ID
- 06.03.2026
- Quelle: Redaktion
Aufruf PG Berufsbild ID von VDID Mitglied Prof. Frank Zebner
Es hat beinahe rituellen Charakter: In verlässlichen Zyklen erhebt sich die Klage der immer gleichen Protagonisten über die Designausbildung. Zu wenig Handwerk, zu wenig Kunst, gewiss auch zu wenig Praxis – so lauten die altbekannten Anwürfe. Sie entstammen meist der Meinung, selten der Kenntnis. Denn tatsächlich verfügt das gegenwärtige System der Designausbildung über eine internationale Struktur, deren Präzision, Vergleichbarkeit und Mobilität historisch ohne Vorbild sind. Die Bologna-Reform hat Studiengänge kompatibel gemacht, Leistungsnachweise geschärft und den Austausch zwischen Hochschulen und global agierenden Büros normalisiert. Ausbildung vollzieht sich nicht länger im Ungefähren, sondern als bewusst konzipierter, methodisch reflektierter Entwicklungsprozess.
Das gern bemühte Argument des „fehlenden Handwerks“ reduziert Gestaltung auf manuelle Verrichtung. Gewiss: Das Arbeiten am Material ist elementar. Doch Industrial Design erschöpft sich nicht im Spüren von Holzfasern oder im Schleifen von Kanten. Es operiert analytisch, geometrisch, technisch. Form entsteht nicht aus Eingebung, sondern aus Entscheidung unter Bedingungen. Die Superellipse des iPhone von Apple steht paradigmatisch für eine Ästhetik, die mathematischer Stringenz verpflichtet ist. Handwerk bildet das Fundament – es ist nicht das Telos. Die Ausbildung hat diese Verschiebung längst internalisiert. Nie zuvor waren Studierende derart gefordert, analoge und digitale Werkzeuge zu integrieren und Entwerfen als koordinierte Leistung von Kopf und Hand zu begreifen.
Nicht minder unscharf bleibt die Forderung nach „mehr Kunst“. An der Hochschule für Gestaltung Ulm wurde Gestaltung programmatisch als Gegenposition zur autonomen Kunst entwickelt. Otl Aicher sprach von „Gegenkunst“ – von einer Praxis, die Rationalität, gesellschaftliche Verantwortung und Gebrauchstauglichkeit ins Zentrum rückt. Kunst darf selbstreferenziell, offen, interpretativ sein. Design hingegen ist ein Nutzungsversprechen. Es analysiert Kontexte, strukturiert Komplexität und entwickelt Lösungen unter realen Bedingungen von Technik, Ökonomie und Anwendung. Die postmoderne Konvergenz beider Sphären hat Sichtbarkeit erzeugt, jedoch auch begriffliche Erosion. Wo alles Gestaltung ist, verliert Gestaltung ihr Mandat.
Die eigentliche Arbeit des Industrial Design ist von anderer Natur: Problemräume definieren, Parameter klären, Anforderungen synthetisieren. Studierende lernen, Hypothesen zu formulieren, Alternativen abzuwägen, Entscheidungen argumentativ zu legitimieren. Dies ist keine ästhetische Laune, sondern eine Form angewandter Rationalität – verwandt mit mathematischer Beweisführung oder der Logik sprachwissenschaftlicher Analyse. Gestaltung wird hier zur Disziplin des strukturierten Urteilens.
Im technologischen Zeitalter verschärfen sich diese Anforderungen. Simulation, algorithmische Modellierung, Materialwissenschaft, Interface-Architekturen – sie verlangen systemisches Denken auf hohem Niveau. Industrial Design operiert im Gefüge einer globalen Innovationsindustrie. Wer es in die Randzone kunstgewerblicher Selbstbespiegelung oder esoterischer Sinnstiftung zurückzieht, kappt seine Anschlussfähigkeit an jene Bereiche, in denen gesellschaftliche Zukunft konkret verhandelt wird. Gestaltung verliert dann ihre Rolle als ernstzunehmender Partner von Wissenschaft, Forschung und Industrie – und damit den Zugang zu den strategisch relevanten Ressourcen.
Institutionen gewinnen Bedeutung stets dort, wo sie auf reale Herausforderungen reagieren. Die 1818 gegründete Universität Hohenheim entstand als Antwort auf Hungerkrisen und agrarische Not – nicht als ästhetisches Experiment, sondern als strukturelle Intervention. Gegenwärtig stehen wir vor ökologischen, klimatischen und ökonomischen Transformationen vergleichbarer Dimension. Gestaltung wird nur dann relevant bleiben, wenn sie sich als technische und analytische Disziplin begreift und ihre Kompetenz in diesen Feldern präzise verortet.
In den Vereinigten Staaten arbeitet die Industrial Designers Society of America daran, Industrial Design explizit im Kontext von STEM zu positionieren – als integralen Bestandteil naturwissenschaftlich-technischer Bildung. Das ist kein Verrat an der Disziplin, sondern ihre konsequente Weiterführung.
Die theatralische Selbstinszenierung des Fachs auf „Musterschauen“, Award Zeremonien, symbolische Überhöhungen – sollte einer nüchternen institutionellen Klärung weichen. Industrial Design besitzt Zukunft allein als präzise, analytische und technologische Disziplin: nicht als Kunstgewerbe, nicht als Bühne, nicht als weltdeutende Geste, sondern als methodisch fundierte Arbeit an den realen Problemen einer komplexen Industriegesellschaft.
Der sogenannte „erweiterte Designbegriff“ erweist sich dabei weniger als Fortschritt, denn als begriffliche Entgrenzung ohne Zuständigkeit. Wer Relevanz beansprucht, muss Verantwortung definieren. Gestaltung gewinnt nicht an Größe, indem sie alles umfassen will. Sie gewinnt an Stärke, indem sie bestimmt, wofür sie einsteht – und wofür sie rechenschaftspflichtig ist.
Professor Frank Zebner - im März 2026
Legende
Header:
,holomesh’ bezeichnet ein integratives Bausystem, bei dem modulare Bausteine zugleich Struktur, Infrastruktur und technische Versorgung (z. B. Wasser, Energie, Daten, Klima und Licht) in einem einzigen Element vereinen. - Diplomarbeit 2019
© Hui Wang / Frank Zebner 2019
Vorschau:
,Orion’ ist ein Teleskopentwurf, dessen parabolische Form direkt aus optischen Prinzipien abgeleitet ist und dessen klare Semantik die Beobachtung von Himmelskörpern auch für Laien verständlicher und zugänglicher macht.
© Kamola Khudayberdieva / Frank Zebner / Christina Timmann 2024
Impression:
,Polymorph’ ist ein Druckanzug für Weltraumtouristen, der Sicherheit bei Druckverlust bietet und zugleich eine einfache Handhabung sowie hohe Bewegungsfreiheit ermöglicht.
© Yulia Stern / Frank Zebner 2019 Beschreibung
Impressionen
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