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Foto: IZT / Kerstin Jana Kater

09.03.2020

Neues Leitbild gesucht: Nutzen statt besitzen

Es gibt keine Alternative zur Mobilitätswende VDID Interview mit Prof. Dr. Stephan Rammler Herr Rammler, was wäre für eine Verkehrswende nötig – weniger Autos, nachhaltigere Antriebe? Wie ... mehr

Foto: IZT / Kerstin Jana Kater

09.03.2020

Neues Leitbild gesucht: Nutzen statt besitzen

Es gibt keine Alternative zur Mobilitätswende
VDID Interview mit Prof. Dr. Stephan Rammler


Herr Rammler, was wäre für eine Verkehrswende nötig – weniger Autos, nachhaltigere Antriebe? Wie lassen sich Menschen überzeugen, sich auf eine nachhaltigere Mobilität umzustellen?

Prof. Rammler: Das technologische und kulturelle Leitbild der Mobilität hat sich in den vergangenen 100 Jahren auf drei Faktoren fokussiert: wir möchten selber besitzen, selbst steuern und nutzen dafür einen Verbrennungsmotor zum Antrieb. Das war bislang kein Problem, aber wir sind mehr Menschen als vor 100 Jahren. Die Politik ist gut beraten, neue Leitbilder zu entwickeln und auf Zusammenarbeit der Politik mit Bürgern, in und mit der Wirtschaft, zwischen Behörden, Mobilitätsdienstleistern, Energieversorgern und dem Immobiliengewerbe zu setzen. Die Politik muss mit den Konsumenten und anderen beteiligten Akteuren schon in der Planungsphase in einen gemeinsamen Prozess gehen. Neue positive Leitbilder könnten Mobilität ohne Auto vorstellbar machen.

Wie müssen wir uns dann unsere mobile Zukunft vorstellen?

Prof. Rammler: Wir brauchen eine Klima-Priorität. Die Mobilitätswende ist und bleibt alternativlos. Technologie in großer Menge unkoordiniert auf den Markt zu bringen, führt zu großen Mobilitätsschrotthaufen, aber nicht zu Innovation. Das Ersetzen von Verbrennungsmotoren durch Elektroantriebe wird die Umweltbilanz nicht verbessern. Wir brauchen eine geänderte Mobilität. Es müssen Alternativen geschaffen werden, sei es im Öffentlichen Nahverkehr, bei kommerziellen Fahrgemeinschaften (Ride-Pooling) oder mit besseren Angeboten für Fahrräder. Wenn die Übergänge zwischen diesen Systemen gut sind, können sich die Menschen sehr viel bequemer in diesem System bewegen. Der ländliche Raum braucht andere Konzepte als die Metropolen, weil die Einbußen an Mobilitätsqualität ohne Auto dort höher sind. Das muss die Politik klar benennen und kann erst dann glaubhaft im Dialog mit den Bürgern ein neues System einführen, das nachhaltiger ist, aber ähnlich gut funktioniert wie das alte. Und erst dann, kann ich anfangen, aus Gründen des Klimas, das Auto zu regulieren.

Sie sprechen von der Digitalisierung als viertem großen Megatrend neben der Nachhaltigkeit, dem Bevölkerungswachstum und der Individualisierung. Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für die Mobilitätswende?

Prof. Rammler: Digitale Plattformen können alte und neue Mobilitätsanbieter integrieren und bruchlos vernetzen. Ein Beispiel ist die Pooling-Funktion, weil wir sonst die Effizienz nicht schaffen, die wir brauchen, um den wachsenden Mobilitätsbedürfnissen auf hohem Niveau entgegenzukommen und gleichzeitig die Anforderungen an die Nachhaltigkeit zu erhalten. Die Sharing Economy und das Konzept des „Mobility as a Service“ (MaaS) werden sich auf lange Sicht durchsetzen – weg vom Besitz, hin zum Nutzen.

Prof. Dr. Stephan Rammler ist seit Oktober 2018 Wissenschaftlicher Direktor des IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin. Stephan Rammler studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Ökonomie in Marburg und Berlin und promovierte über das Thema Mobilität in der Moderne. Nach dem Studium arbeitete er in der Projektgruppe Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und wurde 2002 an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig auf den Lehrstuhl „Transportation Design & Social Sciences“ berufen. Von 2007 bis 2014 war Prof. Dr. Rammler Gründungsdirektor des Instituts für Transportation Design (ITD) in Braunschweig.

Quelle: Geschäftsstelle